10. Tag Königinnenetappe mit Hindernissen

Uns war vorher schon klar, dass es anstrengend werden würde, schließlich standen +1600 Hm / -1350 Hm verteilt auf drei Pässe auf dem Programm. Selbst unser Führer schrieb: „Drei Jöcher auf einen Schlag sind nicht jedem Wanderers Geschmack.“ So kann man das auch ausdrücken…
Wir sind früh aufgestanden, hatten alles schon gepackt, um pünktlich um 7.30 Uhr zu frühstücken und spätestens um 8.00 Uhr los zu gehen. Genau da fing es an zu regnen, wir beschlossen aber nach einer Weile einfach loszuziehen. Das Wetter klarte auch relativ schnell auf. Den ersten Teil des Weges bis zum Bach kannten wir schon von gestern. Im Anschluss ging es mal wieder steil nach oben, so dass Kathi und ich ab jetzt „Käseteilung“ betrieben… Kathi trug ihn hoch und ich runter. Genauso wie Kathi bergauf vorläuft, während ich das bergab mache – hat halt jeder seinen Schwerpunkt 😉 Bei einer kurzen Rast, hörten wir plötzlich Steinschlag, guckten vorsichtshalber mal hinter die Hügelkuppe vor der wir standen und entdeckten drei Gämse, die über die Schneefelder liefen. Etwas später gesellte sich sogar eine vierte dazu. Auf unserem weiteren Weg bergauf, stellten wir fest, dass wir gar von einer fünften von oben betrachtet wurden. Nach Querung eines Schotter- und eines Schneefeldes war der 1. Pass, der Colle di Stau (2500 m) erreicht und eröffnete ein Wahnsinns Panorama.  

  

 Beim Weg bergab, sahen wir die nächsten Tiere. Diesmal zwei Steinböcke, die gerade ganz klassisch ihre Hörner aneinander schlugen. Sie waren noch relativ weit weg, aber gut zu sehen. Vorsichtig und mit gezückter Kamera pirschten wir uns Serpentine um Serpentine näher. Hätte gar nicht Not getan, denn die beiden ließen sich von uns nicht stören, schauten hin und wird hoch und grasten friedlich vor sich hin. Wir waren bis auf ca. 10 m an sie herangekommen, als sie langsam den Berg hoch zockelten, auch wir zogen weiter. Von oben schauten sie noch einmal zu uns herunter. Es wirkte so sehr, als ob sie uns hinterher schauen würden, dass ich mir ein Winken nicht verkneifen konnte…  

 Kaum waren wir drei Serpentinen weiter, zockelte schon der nächste Steinbock um die Ecke und den Berg hinauf. Wir waren schwer begeistert. Ich hatte für mich abgespeichert, dass Steinböcke sehr scheu und nur selten zu sehen sind! Viele Serpentinen abwärts landeten wir im schönen Prati del Vallone. Die Blumen leuchteten in voller Pracht in der Sonne, Schmetterlinge flatterten durch die Gegend und der Fluss plätscherte. Der perfekte Ort für unsre (kurze bzw. kürzere als sonst) Essenspause. Gestärkt machten wir uns an den Aufstieg zum nächsten Pass. Mittlerweile war es durch die Sonne sehr heiß, die Kehren sehr, sehr steil und ich dachte eher nach hinten umzukippen als in irgendeiner Weise vorwärts zu kommen… Irgendwie war auch das geschafft und der Weg zog sich sanfter über Almwiesen zum 2. Pass, dem Passi sottano di Scollettas (2223 m). 

Eine weitere kurze Rast und dann ging es auch schon wieder an Resten von Militäranlagen vorbei auf einem alten Militärweg hinab. Mittlerweile war es schon ziemlich wolkig und dunkel geworden und die ersten Tropfen fielen. Bis hierher lagen wir noch recht gut in der Zeit und hätten alles wunderbar geschafft. Der Regen wurde aber schlimmer und als wir zum Rifugio Zanotti (einer unbewirtschafteten Hütte) aufstiegen fing es auch noch an zu blitzen und zu donnern. (Und schon als Kind wurde mir beigebracht, dass Gewitter in den Bergen gar nicht gut ist…) Wir beschlossen uns also fürs erste beim Rifugio unterzustellen. Vor der Eingangstür gab es ein kleines Vordach unter das wir beide + unsere Rucksäcke gerade so passten. Nun fing es ohne Ende an zu schütten, das Gewitter wurde heftiger und es kam auch noch ordentlicher Hagel verbunden mit einem Temperatursturz auf 7’C hinzu. War das ein Geschepper. Wir hielten schon Ausschau, ob eventuell irgendwo ein Notschlüssel versteckt sein könnte, konnten aber leider keinen finden.  

 Nach etwa einer Stunde hatte sich das Gewitter halbwegs verzogen und es regnete „nur“ noch. Wir zogen weiter, die Zeit wurde langsam knapp. Es war mittlerweile schon 17.00 Uhr. Der weitere Weg war gut markiert. Leider wechselte er recht häufig die Seite des von oben kommenden Baches, der jetzt allerdings eher ein Fluss war und sich nicht so einfach trockenen Fußes überqueren liess. Hinzu kamen wieder mal ein paar Schneefelder. Wir waren mittlerweile klatschnass, es war kalt und wir hofften nur schnell durchzukommen. Leider verdichtete sich der Schnee weiter oben immer mehr, die Schneefelder wurden größer und es wurde immer schwieriger die Markierungen zu finden.  

 Diesmal hatten wir aber zum Glück eine Karte und wussten ungefähr wo wir hin mussten. Aber es wurde immer anstrengender und wir waren schon ziemlich k.o. Zum Schluss sind wir irgendwie auf direktestem Weg zur irgendwo gesichteten nächsten Markierung und das war teilweise echt steil! Und diese dämlichen Schneefelder, die auch schon recht aufgeweicht waren gingen mir langsam ziemlich auf die Nerven… Das einzig Gute, der Regen hatte endlich aufgehört. Nach einigem Herumgeirre sahen wir weit oben eine weitere kleine Markierung und hofften jetzt endlich den Pass in Sichtweite zu haben. Leider musste vorher noch ein weiteres sehr großes und steiles Schneefeld gequert und ein Schuttfeld (ebenfalls sehr steil) überwunden werden, welches zusätzlich total aufgeweicht und mega rutschig war. Wir wussten uns nicht mehr anders zu helfen, als wie die Käfer über den Schutt auf allen Vieren dort hoch zu krabbeln. Der Pass war das Ziel. War ich froh, als wir dass endlich geschafft hatten! Passo di Rostagno (2536 m) – so ein bescheuertes Ding. Dabei ist er auch nicht viel höher als der erste Pass des Tages. 

 Welche Erleichterung als wir von der Passhöhe schon ganz unten im Tal das Rifugio Migliorero sehen konnten. Mittlerweile war es jedoch schon 19.00 Uhr. Ich versuchte im Rifugio anzurufen, dass wir später kämen, funktionierte aber leider nicht. Also schnell auf den Weg nach unten. Auch hier ging es durch viel Schutt und Gestein in sehr steilen und engen Kehren bergab.  

 Obwohl man das Rifugio schon von oben sah, dauerte es über eine Stunde bis wir unten waren (und das lag nicht an uns). Unterwegs begegneten uns nochmals drei Gämse und endlich war das Rifugio, dass wie eine Burg auf einem Fels über einem See trohnt erreicht. Der Typ vom Rifugio war schon etwas aufgeregt, dass wir jetzt erst auftauchten. Er hatte schon in Pontebernardo und Pietraporzio angerufen und nachgefragt, ob „due tedesci“ aufgetaucht wären. Wir versuchten so gut wie möglich zu erklären, aber er sah ja eh wie aufgeweicht und fertig wir waren. War dann auch ok und er fing uns an zu betütteln. Wir wurden direkt vorm Kamin platziert, unsere Wanderschuhe zum Trocknen noch dichter davor und dann kam das Essen. Ich war so ausgehungert! Außerdem konnte der Typ echt kochen. Die selbstgemachten Eiernudeln (sahen aus wir kleine Orecchiette gemischt mit Trofie Liguri) mit Walnußsauce waren super lecker. Ach tat das gut und die heiße Dusche später auch. Völlig fertig gingen wie bald ins Bett. Hatten auch hier ein kleines 4er Zimmer, freundlicherweise in direkter nähe zu Waschbecken und Toilette und waren mal wieder die einzigen Gäste. Fazit des Tages: wir wollten zwar ein bisschen Abenteuer, aber soviel musste es dann auch nicht sein…

P.S. Kathi sagt, sie hätte schon über eine Helikopterrettung nachgedacht.

Ferrere – Rifugio Miglioero ca. 16,5 km +1600 Hm / -1350 Hm unterwegs 11 1/2 Std.